Alter Kram, den keiner mehr braucht. Heute: Orthografie


Also ich weiss ja nicht, wie es Ihnen geht, lieber Leser. Ich selbst bin nicht direkt ein Prachtexemplar des deutschen Rechtschreibers, und so manches Mal tippe ich nicht nur schneller, als ich denken, sondern auch, als ich orthografieren kann.

Und doch muss ich sagen, mir scheint sich in den Online-Redaktionen diverser Meinungsformungsinstitute jeden Niveaus eine breite Schere aufzutun zwischen Anspruch an die Wirklichkeit und eigener Leistung.

So steht im letzten Offline-Focus, wie wichtig doch die deutsche Rechtschreibung auch im Jetzt und Hier sei – inklusive zugegebener Massen durchaus nicht unkniffligem Selbsttest. Bis in die Aussenposten der Online-Redaktionen hat es die Nummer aber wohl noch nicht geschafft.

Oder meine ich nur, dass man zunehmend mit Tippfehlern und grammatikalischer Ausschussware beworfen wird, wenn man die online-Angebote der großen Meinungsmacher ansteuert? Mit einem verkrachten Verhältnis zu den Brüdern “das” und “dass” hat man sich ja inzwischen abgefunden. Seit der Rechtschreibreform letztes Jahrtausend scheint es ja auch hier zu grenzenloser Auflockerung der Regeln gekommen zu sein, daran stört sich keiner mehr. Aber dass man in online-tauglich gekürzten Sätzen inzwischen schon das Objekt weglässt oder den knappen Platz auf der Landing Page durch konsequente Auslassung von Verben in sinnverstümmelnder Weise effizienter zu nutzen versucht, macht mich mitunter nachdenklich und vielleicht ein bisschen traurig.

Vermutlich denkt man sich bei den Verlagen, wer nicht zahlt, kriegt auch keine korrekte Rechtschreibung. Oder man hält den archetypischen Online-Leser schlichtweg für unterbelichtet genug, dass es 92 Prozent der Zielgruppe nicht merken. Letztendlich soll ja das Zeug auch niemand lesen, sondern auf die Werbebanner klicken. So können dann wenigstens noch ein paar Kreuzer Gewinn aus den Lesern geschöpft werden, die wenigstens auch kein Konkurrenzblatt kaufen, wenn sie online lesen.

Ich kann mir nicht helfen, aber das Phänomen der öffentlich praktizierten Legasthenie zieht sich durch so ziemlich alle online-Redaktionen, von der tagesschau über spiegel (einer meiner orthografischen Fehlgriff-Favoriten) bis hin zu n-tv und focus.

Da hält uns die Journalisterei immer wieder vor, wie schlimm es doch um die Beherrschung der deutschen Sprache gerade im Jungvolk steht, und geht dann gleich mit schlechtem Beispiel stramm voran. Dabei sind es gerade die gePISAckten jungen Leser, die man mit dem online-Angebot zu locken sucht, und denen man gerade jene Rechtschreibprobleme vorwirft, die sie gezwungener Massen auch bekommen müssen, wenn sie die Machwerke konsumieren.

Das online-Angebot als Aushängeschild? Das war gestern oder so.
Wenn beim Bäcker die Brot-Probiererli auf der Theke so schlecht schmeckten, wie so mancher online-Artikel rechtgeschrieben ist, stünde es um das Bäckerhandwerk noch schlechter, als es die Backshop-Krise bisher zu erreichen vermochte.