Der Smalltalk-Nachwuchs fehlt…oder?


Vor fast einem Jahr schrieb der Autor dieses Blogs unter dem Titel: Das Für und Wider – Teil 1: Nachwuchs darüber, dass mir immer wieder das Argument zu Ohren kommt, der Einsatz von Smalltalk sei schon alleine aus der Sicht heraus riskant, als es ja kaum Leute gäbe, die das könnten und/oder machen wollten.

Nun ist das auch heute sicher noch eine Frage des Massstabes. Wenn man sich anschaut, wie viele Java- oder C++-Entwickler auf dem Markt verfügbar sind, ist die Auswahl an Smalltalkern sicher eher klein.

Aber eines war auf der ESUG-Konferenz auch klar erkennbar: die Smalltalk-Gemeinde ist keineswegs dabei, eine geriatrische Nische der IT-Welt zu werden.  Es gibt durchaus Bildungseinrichtungen, die Smalltalk unterrichten, und an denen interessierter und engagierter Nachwuchs für Smalltal-Projekte ausgebildet wird. So durchlaufen offenbar alle Informatiker am Hasso-Plattner-Institut der Uni Potsdam einen Smalltalk-Kurs, der sie in die OO-Technologien und in die Entwicklung in Squeak einführt. Ganz offenbar wird dort mit Squeak sehr engagiert gearbeitet. Das beweist nicht zuletzt die Tatsache, dass eine Gruppe von HPI-Studenten bei den Innovation Awards der ESUG-Konferenz mit ihrem Projekt PhidgetLab den zweiten Platz belegt hat.

Auch das Spiel iKuh (aufgrund der Suchtgefahr hier kein Link), und das Projekt NXTalk (auch für den ESUG innovation Award nominiert) wurden am HPI entwickelt und zeigen, dass es jungen Smalltalk-Nachwuchs mit großem Interesse gibt.

Auch an der Nordakademie lehrt Prof. Dr. Johannes Brauer seine Studenten die Objekttechnologie anhand der Sprache Smalltalk.

Eine Liste mit weiteren Bildungseinrichtungen in Deutschland, die Smalltalk lehren, findet sich bei squeak.de .

Selbst die aktuellen Rockstars der Smalltalk-Szene, Lukas Renggli, Julian Fitzell und ihre Seaside-Teamkollegen sind nicht etwa Mitt-Vierziger, die den Zug der IT-Entwicklung verpasst haben, sondern gehören rein Altersmaässig in die junge Smalltalker-Generation. Interessanter Weise scheint die Uni Bern hier eine wichtige Rolle zu spielen.

Überhaupt waren auf der ESUG sehr viele junge Gesichter zu sehen. Davon kann man sich auf den diversen Fotogalerien vom Event überzeugen.

Die ESUG hat sicher eindrucksvoll bewiesen, dass Smalltalk hier, vor allem in Deutschland, der Schweiz und Frankreich, eine recht rege Nutzerschaft hat, sowohl im kommerziellen, wie auch im akademischen Bereich.

In diesem Zusammenhang ist sicher auch wichtig, die unermüdliche Arbeit des Squeak Deutschland e.V. für den Einsatz von Squeak in der (Schul-)Ausbildung zu nennen. Auch hier arbeitet eine vorwiegend jungeTruppe daran, eine noch jüngere mit Hilfe von Smalltalk an die Computerei heranzuführen. Nachwuchs züchtet hier also eine noch neuere Generation. Das ganze hat weltweit noch eine ganz andere Dimension: mit HIlfe des OLPC (“100 Dollar-Laptop” oder One Laptop per Child) und dem darauf installierten Squeak/Etoys haben inzwischen wohl mehr Menschen Zugriff auf Smalltalk als je zuvor, und das über 30 Jahre nach der Entwicklung des ersten Smalltalk-Interpreters.

Ich denke, Nachwuchs ist da. Projekte und Unternehmen müssen den jungen Menschen interessante Aufgaben und Chancen bieten, damit dieses Potential nicht versickert, und damit die Nachfrage auch nach und nach wieder das Angebot bestimmt.

Ich denke, es kann sich durchaus lohnen, einen Kontakt mit den Einrichtungen aufzunehmen und Kooperationen zu starten oder auch nur, Stellenangebote auch dorthin zu schicken, auch wenn es einfacher wäre, die Personalabteilung um Nachschub zu bitten.

Ich habe auf der ESUG mit Vertretern der Nordakademie und des HPI gesprochen, und es ist großes Interesse an Industriepartnerschaften da.

3 thoughts on “Der Smalltalk-Nachwuchs fehlt…oder?

  1. Claus,

    dass es aber genau dazu auch Ausnahmen wie das HPI oder die Nordakademie gibt, wollte ich mit meinem Artikel zum Ausdruck bringen.
    Klar, die Unis sind sehr stark dem Druck ausgeliefert, “fertige” Informatiker an den Markt zu bringen (wurde mir so auch von einem eremitierten Informatik-Professor bestätigt), und fertig scheint derzeit als der richtige Mix aus JEE-Frameworks definiert zu sein, und nicht so sehr das Verständnis für Konzepte und Architekturen…

    Aber ich denke, hier können die Firmen, die Smalltalk-Nachwuchs vermissen, ansetzen: geht auf die Unis zu, die Smalltalker ausbilden, anstatt zu jammern, die Profs dort brauchen Euch, um ihre Entscheidung für Smalltalk innerhalb der Unis zu untermauern, und die “fertig”-Kerbe mit auszuwetzen…

  2. An meiner Uni ist über Jahre VSE/VW unterrichtet worden. Der letzte Assistent ist dann irgendwann zuerst auf Java/AWT und dann auf Java/Swing umgestiegen (aus purem Eigeninteresse). Aber das ist schon ein paar Jahre her.

    Smalltalk eigenet sich hervorragend als Lernsprache, es ist nur schade, dass an den Unis so was nicht mehr von Belang ist, sondern die Leute am Besten als billige Fachinformatiker (Anwendungsentwickler) rauspurzeln sollen. Dafür muss man natürlich Java oder C# können und sonst ja bitte nichts…

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