Das Für und Wider – Teil 3: Die Analysten


Das Argument:

Smalltalk ist 30 Jahre alt, und wir leben in einer Welt voller neuer Technologien, die sich damals noch keiner erträumt hat. Schon vor einigen Jahren haben die Analysten, allen voran Gartner, den IT-Shops geraten, langsam aber sicher aus Smalltalk auszusteigen, und auf neuere Implementierungssprachen wie Java und C# umzusteigen.

Die Diskussion:

Das mit den30 Jahren ist natürlich so eine Sache. Klar wusste damals noch keiner was vom Internet und den heutigen Anforderungen an die Integrationvon Anwendungen. So ganz fair ist das Argument aberauch in der IT nicht: relationale datenbanken etwa sind auch schon in den 60er Jahren angedacht worden, und so richtig zum alten Eisen gehören sie heute meines Wissens noch nicht😉

Aber das ist eigentlich auch nicht der Punkt. Der Drang weg von Smalltalk und hin zu Java war und ist getrieben von dem Gedanken, dass neuere Technologien, allen voran alles was mit Internet- und Applikationsservern zu tun hat, vor allem im Java-Umfeld populär geworden sind. Natürlich hat die Tatsache, dass zuerst ParcPlaceDigitalk und/oder ObjectShare und später auch IBM durch ihr teilweise sehr seltsames Tun ihren eigenen Smalltalk-Kunden suggeriert hat, man müsse schnellstmöglich auf Java wechseln.

ParcPlace Digitalk (oder war es schon ObjectShare?) sandte Ende der neunziger Jahre einen Brief an seine Kunden, in dem das Ende der eigenen Smalltalk-Produktpalette eingeläutet und ein großartiger Nachfolger mit dem Namen Parts for Java angekündigt wurde.Dabei hatte das Projekt noch nicht mal den Prototypstatus erreicht. Nicht zu erwähnen brauche ich wohl, dass es weder ein Parts für Java je ans Licht der Welt geschafft hat, noch, dass es die Firma inzwischen nicht mehr gibt.

Im IBM-Lager war der Trend auch nicht zu übersehen: IBM erkannte, dass Java sehr gute Chancen für enorme Umsätze sowohl im Werkzeug- als auch im Beratungsumfeld eröffnet, und das gemeinsame gegackere “pro Java und Contra Microsoft” vieler Firmen zu dieser Zeit war natürlich eine großartige Welle, um darauf zu reiten. Das in Smalltalk entwickelte VisualAge for Java wurde enorm beworben und VisualAge Smalltalk wurde zunehmend im Hintergrund gehalten. Schliesslich gab es ein paar Jahre später die Marke “VisualAge” nicht mehr, die Entwicklungstools wurden allesamt in die WebSphere-Marke eingereiht, die später dann als Rational weitergeführt werden sollte.

Als IBM dann 2005 bekannt gab, dass VisualAge Smalltalk aus der Wartung gehen soll, war klar: der letzte große Anbieter von Smalltalk hat aufgegeben.

In der Zeit ab ca. 2000 waren also einige Faktoren zusammengekommen, die ein Ende der Smalltalk-Ära als notwendigerweise eintreffend nahelegten.

Und doch kam einiges ganz anders als gedacht:

Cincom übernahm gleich drei Smalltalk-Produkte in ihr Produktportfolio (ObjectStudio, VisualWorks und VisualSmalltalk Enterprise) und VisualAge wurde 2005 von Instantiations übernommen. Beide Firmen schafften es, die Nutzer der Produkte zum größten Teil in ihren Kundenbestand aufzunehmen und damit eine Finanzierung der Weiterentwicklung der Tools zu gewährleisten (VSE blieb dabei leider auf der Strecke). Beide Firmen schafften es, die Werkzeuge profitabel zu halten und zunehmend in die Weiterentwicklung der Werkzueuge zu investieren.

Inzwischen sind alle drei großen Smalltalk-Anbieter sehr erfolgreich (der dritte im Bunde ist Gemstone, auch diese Firma hatte eine sehr bewegte Geschichte während der DotCom-Zeit, Stichwort: Brokat), teilweise erfolgreicher denn je und machen gute Geschäfte.

Die Smalltalk-Gemeinde bringt einige sehr erfolgreiche OpenSource-Projekte zuwege, von denen Squeak, Seaside und OpenCroquet nur die prominentesten sind.

Das haben auch die Analysten erkannt, was man an einer Gartner-Studie vom Ende des Jahres 2007 klar erkennen kann. Galt Smalltalk bei Gartner bisher viele Jahre als eine “Elderly” Technologie, die man eher loswerden sollte, als darin zu investieren, wurde sie inzwischen auf “Mature” umgestuft. Mature bedeutet, dass es sich um eine ausgereifte Technologie handelt, die von stabilen Anbietern unterstützt wird, und in die man durchaus investieren kann.

Gefunden bei James Robertson . Der dort zu findende Link ist leider nicht mehr aktuell, aber man kann das Originalpapier von Gartner noch im Internet finden.