Das Für und Wider – Teil 1: Nachwuchs


Das Argument:

Eine der großen Sorgen für Smalltalk-Projekte ist es, dass offenbar sehr schwer ist, Nachwuchs zu finden, der zumindest mal Smalltalk-Grundkenntnisse mitbringt. Die Smalltalk-Welt scheint sich hier in Deutschland in erster Linie aus alten Hasen zusammenzusetzen, die sehr viel Erfahrung mitbringen. Neue Leute für ein Projekt zu rekrutieren, ist nicht einfach. Auch und vor allem über den Weg der Freiberufler-Händler sind solche Leute inzwischen relativ teuer geworden – bei allerdings auch sehr hoher Qualität.

Die Diskussion dazu:

Dass Smalltalker zur Zeit wieder sehr gefragt und schwer zu bekommen sind, ist eine Tatsache, die wir auch zu spüren bekommen: Anfragen nach Dienstleistern geistern oft wochenlang durch die Stellenbörsen und es werden teilweise Stundensätze geboten, die manch ein Freiberufler zuletzt erreichen konnte, als die Jahr-2000-Problematik und der Euro-Boom zusammenfielen und alles, was EDV buchstabieren konnte, nach Kilogramm bezahlt wurde. Erfahrene Smalltalker sind derzeit wirklich kaum zu bekommen. Woran liegt das?

Nun, die Situation ist sicher hausgemacht: Vor 4 bis 5 Jahren hatten fast alle Smalltalk-Unternehmen verkündet, dass ihre Smalltalk-Anwendungen unmittelbar vor dem Ausschalten stehen, und man nur noch in die allerletzten, notwendigsten Wartungsaufgaben, keinesfalls aber in die Schaffung neuer Funktionalitäten investieren wolle. Damit wurden nict nur die eigenen Entwickler in andere Projekte getrieben sondern natürlich auch jeglicher Nachwuchs abgeschreckt. Tatsache war aber in den meisten Häusern, dass man mit immer kleineren Budgets immer weiter gemacht hat mit der Weiterentwicklung der Systeme, und in den meisten Fällen ist es mit der Abschaltung bis heute nichts geworden und meist ist sie auch nicht in Sicht. Der offizielle Status der Projekte als Projekt-non-grata wurde aber nicht geändert. Ich kenne mehrere Firmen, in denen sich auch jetzt, wo der Status des Projekts komplett verändert hat, kein internes Personal motivieren lässt, wieder zurückzusatteln. Selbst Kollegen, die mit tränendem Auge an die Entwicklung in Smalltalk zurückdenken, scheuen sich davor, in ihre alten Projekte zurückzukehren. In Firmen, die in ihrem “Marschplan für die kommenden x Jahre” die Smalltalk-Projekte wieder offiziell führen, ist dieses Problem nicht ganz so verbreitet. Ich denke, hier hängt einiges an der eigenen Selbstdarstellung eines Projektes – kaum eines der Projekte muss sich wirklich dafür entschuldigen, dass es seit 7, 8 oder mehr Jahren erfolgreich die Bedürfnisse seiner Anwender befriedigt und nach wie vor stabil läuft. Es muss sich auch nicht dafür entschuldigen, dass es inzwischen technisch mit vielen Systemen kommuniziert, und häufig das Kerngeschäft eines Unternehmens unterstützt. Und eine Entschuldigung dafür, dass es in Smalltalk entwickelt, ist auch nicht wirklich notwendig vor dieser Kulisse. Es liegt klar auf der Hand, dass sich für ein Projekt, das nur noch Aufräumarbeiten zu erledigen hat, keine Elite findet. Für ein Projekt, in dem sehr erfahrene Kollegen eine stabile, erfolgreiche Plattform geschaffen haben, und in dem man von erfahrenen Leuten sehr viel lernen kann, in dem man an dem Erfolg des Systems mitarbeiten kann, finden sich vielleicht schon eher Kandidaten, wenn zudem noch eine Perspektive auf 5, 8 oder 10 Jahre zu sehen ist, in denen man an dem System arbeiten kann.

Nun aber zum Nachwuchs: es gibt praktisch keine neuen Smalltalker mehr.  Zugegeben, die Masse der Studenten und Auszubildenden lernt heute Java, und vielleicht noch ein bisschen C, aber Smalltalk steht nicht oft auf dem Ausbildungsplan. Auch hier hat der “Herdentrieb” schon lange eingesetzt: lehren wir unseren Studenten Java, kriegen sie besser Jobs.

Und doch gibt es ein paar Bildungseinrichtungen, die anders denken, und es lohnt sich sicher, auf diese zuzugehen, wenn man Smalltalk-Nachwuchs sucht. Auch das kann sicher dazu beitragen, dass die Professoren sich in ihrer Entscheidung bestätigt fühlen. Ich bin kein großer Kenner der akademischen Landschaft, aber mir fallen im universitären Bereich zunächst mal folgende Einrichtungen ein:

  • TU Ilmenau
  • FH Nordakademie (Prof. Brauer, hat auch ein erfolgreiches Smalltalk-Nuch geschrieben)
  • FH Darmstadt
  • Hasso-Plattner-Institut an der Uni Potsdam

Hier wird Smalltalk gelehrt, und es werden Smalltalk-Projekte durchgeführt. Überhaupt ist vor allem Squeak im akademischen Umfeld recht verbreitet. Dazu später mehr…

[Update:] kennt jemand weitere Bildungseinrichtungen, an denen Smalltalk gelehrt wird? An wen kann sich eine Firma wenden, die gerne junge Absolventen mit Smalltalk-Kenntnissen kennen lernen wollen?

5 thoughts on “Das Für und Wider – Teil 1: Nachwuchs

  1. Hallo Friedrich,

    Ich habe nicht gesagt, dass es massenhaft Projektangebote gibt, aber es ist tatsächlich so, das man als Manager derzeit schwer Leute für ein Smalltalk-Projekt findet. In einschlägigen Marktplätzen für Freelancer geistern manche Angebote wirklich wochenlang herum.
    Ich glaube, man darf Angebot udn Nachfrage nicht verwechseln. Nur weil es nicht viele Projekte gibt, die aktuell Smalltalker suchen, heisst es nicht, dass das Angebot an Smalltalkern riesig und unbegrenzt ist.

    Wenn ich Dich richtig verstehe, bist Du ja auch nicht als “Angebot” zu sehen, sondern beurteilst die Lage anhand der kleinen Nachfrage. Du bietest nicht an, weil “nicht nachgefragt” wird.

    Deinen letzten Satz verstehe ich nicht ganz…

  2. Programmiere die sich für was anderes als C/C++/Java erwärmten, hatten wenig Chancen. Also taten sie was Sie mußten. Sie schrieben in C und/oder schrieben sich Tools in Smalltalk für die Codegenerierung. Ich finde Smalltalk gut, bin aber über die Ruby-Schiene dahin gekommen. Ich hätte kein Problem mich wirklich mit Smalltalk zu beschäftigen, wenn es wirklich so knapp wäre. Aber ich kann nicht so sonderlich viele Smalltalk Angebote finden.

    Und wenn es so schwierig wäre, warum kann man dann nicht Vor-Ort sein unterstützen?

  3. Hi Torsten,

    I didn’t even know my blog’s on Planet Smalltalk. Good news, thank you😉
    I started this blog in order to reach German speaking smalltalk enthusiasts and wannabe’s, some of which may or may not be happy to also read english blogs. After all, I’m not even sure my blog offers enough “original” content in order to be interesting enough besides the others…

    One thing that’s probably never giing to happen is that I post in two languages. Unless I am bored😉

    I’d be happy to read more opinions here in the comments. What do other readers think?

    Joachim

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