Es hat sich sicher schon herumgesprochen, dass die Entwicklungs- und Supportmannschaft von GemStone/S und GLASS sowie das darauf basierende MagLev für Ruby nun in einer neuen Firma zuhause sind. Das neue Unternehmen heisst GemTalk Systems und besteht aus der kompletten Mannschaft, die bisher an GemStone gearbeitet hat. Für das Produkt sind das sehr gute Nachrichten. GemStone/S war bei vmware irgendwie ein Stiefkind. Man musste auf der vmware-Website lange suchen, bis man GemStone/S fand. Selbst auf der zentralen Seite aller Produkte waren diverse Produkte aufgelistet, die ursprünglich von GemStone stammten (z.B. GemFire, SQLFire), nicht jedoch das eigentliche Flaggschiff.
Aus den Pressemitteilungen und Blog-Einträgen ist nicht zu entnehmen, wer die Investoren sind, die GemStone von vmware übernommen und GemTalk daraus gemacht haben. Auch auf der Website sind keine Informationen dazu zu finden. Dafür aber, dass vmware sich auch von den anderen Produkten wieder getrennt hat, wegen derer sie GemStone vor drei Jahren gekauft hatte. Diese sind ein paar Wochen zuvor in die Firma Pivotal ausgelagert worden und werden dort weitergeführt. Was das ganze für vmware für einen Sinn hatte, erschliesst sich mir nicht. Aber wer GemStone ein bisschen kennt, weiss, dass es schon in den neunziger Jahren mal ganz ähnlich zuging: der Börsenkracher Brokat aus Böblingen/Stuttgart hatte GemStone gekauft, um sein Portfolio mit GemStone/J (das es meines Wissens inzwischen nicht mehr gibt) aufzupeppeln. Glücklicher Weise ging Brokat erst vor sdie Hunde, nachdem GemStone mit viel Verlust wieder verkauft worden war. Auch bei Brokat hatte man den eigentlichen Edelstein von GemStone nie verstanden. Martin McClure hat auf der letzten Smalltalks 2012 einen sehr interessanten Vortrag zur Geschichte seines Arbeitgebers gehalten (hier gibt es das Video dazu). Um einen running gag aus diesem Vortrag fortzuführen: GemTalk Systems bleibt im selben Bürogebäude und zieht dort einen Stock höher
Nun könnte man meinen, sowohl Brokat als auch vmware haben sich an GemStone verschluckt, weil Smalltalk einfach nicht mehr zeitgerecht ist und niemand Smalltalk nutzt, zumindest niemand, der dafür Geld ausgeben möchte. Also war es nur logisch, das Zeug wieder abzustossen, und die Perlen des Unternehmens zu behalten.
Schaut man genauer hin, ergibt sich dann aber doch ein ganz anderes Bild: Die Kundenliste von GemTalk Systems ist sehr beeindruckend. Nicht, weil die Namen darauf so bekannt sind und Eindruck machen. Vielmehr, weil dahinter Unternehmen mit sehr komplexen, datenintensiven und äusserst flexiblen, veränderlichen Abläufen stecken.
Wie sonst, ausser durch seine besonderen Eigenschaften gerade für sehr komplexe Abläufe und hohe Datenvolumina liesse sich erklären, dass es Investoren gibt, die eine Ausgründung von GemTalk Systems ermöglichen? Warum sollte jemand Geld in eine Firma stecken, deren Geschäft eine heisse Kartoffel ist, die vmware einfach fallen lassen möchte?
GemTalk hat eine beeindruckende Kundenliste, die – so wird gemunkelt – für einen attraktiven Cash-Flow sorgt. GemStone ist ein profitables Produkt, und das schon seit Jahrzehnten. GemStone war für Brokat eine Cash Cow und bei VMware war es nicht anders. Wie sonst liesse sich erklären, dass GemStone weiter existierte und das Produkt weiter entwickelt wurde? Wie sonst liesse sich erklären, dass vmware die kostenlose Verwendung von GLASS auch für kommerzielle Zwecke weiter gestatttete und sogar den Umfang der kostenfreien Lizenz erweiterte, das kommerzielle Produkt aber weiter führte? Wie sonst wäre zu erklären, dass erst unter VMware so recht Schwung in die Öffnung von GemStone hin zu open source-Projekten kam, sich Dale Henrichs zunehmend auch Themen wie Metacello und der Kompatibiltät von GemStone mit Pharo/Squeak widmen konnte? GemStone macht gerade einen sehr wichtigen Schritt: Weg von GemBuilder und der Notwendigkeit einer zweiten Smalltalk-Tools als Entwicklungs-Frontend hin zu einem kompletten Werkzeug mit einer eigenen (Webbasierten) IDE. Hier wird sehr viel mit Amber und Pharo gearbeitet und es gibt Initiativen hin zu einer Versionsverwaltung in Tools wie git oder subversion.
Der Mond über GemStone ist also ganz sicher nicht erblasst durch diese Ausgründung. Im Gegenteil, wir werden sicher noch viel Ineteressantes über GemStone hören in den nächsten Monaten. Die erste Etappe hierzu wird sicher die im Juni stattfindende STIC 2013 in den USA sein, auf der GemTalk dabei ist. Auch MagLev wird GemTalk weiterführen, und was uns Smalltalkern sicher am wichtigsten sein wird: es wird weiterhin ein kostenloses GLASS geben.
Die Ausgründung von GemTalk Systems steht nicht alleine da. Erst vor drei Jahren passierte bei Instantiations, dem Anbieter von VA Smalltalk, etwas ganz ähnliches: die Firma stiess ihr gesamtes Java-Produktportfolio samt Entwicklungsmannschaft an Google ab, und führte ihre Geschäfte als reine Smalltalk-Firma weiter (Joachims Small World berichtete). Seither hat sich auch an dem Produkt mehr getan, als in den Jahren zuvor.
Smalltalk scheint also nach wie vor eine Umgebung zu sein, in der es sich lohnt, zu investieren. Alle drei wichtigen kommerziellen Anbieter (Cincom, GemStone und Instantiations) scheinen profitabel zu sein und arbeiten fleissig an ihren Produkten. Auch im open source-Umfeld tut sich eine ganze Menge, angefangen bei Pharo, über Amber bis hin zu Squeak und GNU Smalltalk.
Um einen der abgeklopfteren Sprüche berühmter Persönlichkeiten zu bemühen: Die Gerüchte über das Ableben von Smalltalk sind noch immer völlig übertrieben….
Zum Abschluss noch ein paar weiterführende Links: